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Predigt des Erzbischofs von Paderborn, Hans-Josef Becker, im Pontifikalamt zur Seligsprechung von Mutter Maria Theresia Bonzel OSF 

"Aber bei meinen Besuchen in den Gemeinden und in den Gesprächen gerade mit jungen Christen stelle ich fest, dass vielerorts der Wunsch besteht, mehr Gelegenheit zur stillen Anbetung des Allerheiligsten zu haben. Und wo diese Initiative einmal ergriffen worden ist, zeigen sich – manchmal zaghaft, manchmal recht deutlich - Auswirkungen. Was haben wir dabei zu verlieren, so etwas auszuprobieren? ... Gottesbegegnung in ihrer intensivsten Art geschieht in der Eucharistischen Anbetung und in der Feier der Heiligen Messe." Erzbischof Hans-Josef Becker in seiner Predigt am 10. November 2013

Hier der Wortlaut der ganzen Predigt: ...

 

Hochwürdigster Herr Kardinal, liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, verehrte Ordensschwestern, Schwestern und Brüder im Herrn!

Wenn wir auf der Straße eine Umfrage nach dem Wesenskern der christlichen Botschaft starten würden, käme die Antwort „Nächstenliebe“ sicherlich auf einen der ersten Plätze. Gerade wegen dieser hohen Bedeutung und Erwartung an uns haben wir Christen den Auftrag, die Liebe zum Nächsten zu leben und sie zu verteidigen. Wenn es um die Liebe zum Nächsten geht, geht es immer auch um seine unzerstörbare Würde und den Wert des menschlichen Lebens überhaupt.

Im Gegensatz dazu nehme ich in unserer Gesellschaft Tendenzen wahr, die dieser Würde des Menschen nicht den ihr angemessenen Platz zugestehen oder für die die Würde des Menschen etwas Belangloses, Uninteressantes ist. Gleichgültigkeit gegenüber diesem Thema ist aber alles andere als harmlos! „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, bekennen wir Christen mit den übrigen Staatsbürgern in unserem deutschen Grundgesetz. Warum eigentlich? Ist das eine Absprache unter uns Menschen, eine Art Gesellschaftsvertrag? Wir wissen: Verträge sind kündbar, selbst die, die Menschenrecht und Menschenwürde betreffen. Einige Entwicklungen erfüllen mich deshalb mit großer Sorge:

• Ich denke an den großen Skandal von jährlich über einhunderttausend Abtreibungen in unserem Land: Menschen – nicht nur Zellhaufen! – die vernichtet werden, bevor sie überhaupt die Chance erhalten, das Licht der Welt zu erblicken. • Ich denke an die Menschen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind und ein Recht auf ein humanes Sterben haben: auf persönliche Sterbebegleitung und nicht auf technische Sterbehilfe.

• Ich denke an die vielfältigen Versuche der Manipulation menschlichen Erbgutes mit dem tollkühnen Ziel, den „neuen Menschen“ zu schaffen und sich damit an die Stelle Gottes, des Herrn über Leben und Tod, zu stellen. Auch wenn ich kein Freund polemischer Schwarz-Weiß-Malerei bin, melde ich große Bedenken im Namen dessen an, der der Garant der Würde des Menschen schlechthin ist. Als Christen bezeugen wir: in unsere brüchige Menschengeschichte hat Gott um des Menschen willen den Namen „Jesus“ eingeschrieben. Durch die Menschwerdung, das Leben und Wirken seines Sohnes hat Gott einen Bund mit unserer Menschennatur geknüpft, den er am Kreuz auf Golgota mit seinem Blut ein für allemal besiegelt hat. Dieser Bund ist seinerseits unkündbar. Weil die Würde des Geschöpfs „Mensch“ in diesem Bund (schon aufgrund der Schöpfung) ihr Fundament hat und auf Ewigkeit angelegt ist, ist sie dem Zugriff des Menschen entzogen und wirklich unantastbar.

Nach unserem jüdisch-christlichen Verständnis ist die Geschichte der Menschen an erster Stelle eine Geschichte Gottes mit den Menschen. Gott und Mensch können nie isoliert voneinander gesehen werden – sie stehen stets in Beziehung zueinander. Wir können deshalb auch nie bloß allein von der Nächstenliebe sprechen. Es ist in der Bibel grundgelegt, dass die Liebe zum Nächsten untrennbar verbunden ist mit der Liebe zu Gott. Deswegen reden wir vom Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe. Wer die eine oder die andere Hälfte davon abtrennen will, entzieht dem Ganzen den Wurzelgrund.

Schwestern und Brüder! Mit unserer „neuen“ Seligen Mutter Maria Theresia Bonzel steht uns eine Gestalt vor Augen, die diese unaufgebbare Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe exemplarisch und vorbildlich in ihrem Leben umgesetzt hat – deshalb wurde sie heute zur Ehre der Altäre erhoben. Es ist schon ein besonderes Charisma, aus dem sie geschöpft und das sie ihrer Schwesterngemeinschaft ins Stammbuch geschrieben hat: die Ewige Anbetung des Allerheiligsten und die Sorge für die Kranken und Hilfsbedürftigen. So hat sie einmal in einem Brief geschrieben: „Möge der Heilige Geist das Feuer der Liebe in uns entzünden und uns in neue Menschen umwandeln, gleich wie die Apostel, auf dass wir alle von wahrer Gottesliebe brennen und diese in heiliger Nächstenliebe mehr und mehr zu betätigen wissen.“ Mutter Maria Theresia wusste und lebte es: Gottes- und Nächstenliebe bedingen einander. Deshalb erscheint uns unsere neue Selige wie die Verwirklichung jener Worte aus der Enzyklika Deus Caritas est von Papst Benedikt XVI. Dort lesen wir: „Die Heiligen haben ihre Liebesfähigkeit dem Nächsten gegenüber immer neu aus ihrer Begegnung mit dem eucharistischen Herrn geschöpft, und umgekehrt hat diese Begegnung ihren Realismus und ihre Tiefe eben von ihrem Dienst an den Nächsten her gewonnen. Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot. Beides aber lebt von der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat.“ (DCE 18) Nun sind die Heiligen und Seligen der Kirche aber nicht bloß historische Gestalten, die einmal gelebt haben – sei es auch noch so vorbildlich. Wenn ich richtig informiert bin, ist der schweizerische reformierte Theologe Walter Nigg der Schöpfer des Sinnspruchs: Es gibt nichts Lebendigeres als einen toten Heiligen. - Indem wir uns das Beispiel der Heiligen vor Augen rufen, verbinden wir damit die Hoffnung, auch unser eigenes Leben dem Evangelium gemäßer leben zu können. Was also ist die lebendige Botschaft der Seligen Maria Theresia Bonzel für uns heutige Menschen?

Beginnen möchte ich wiederum mit einer Beobachtung – dieses Mal auf uns selbst: In der Kirche wird viel geredet – meist miteinander, seltener über und mit Gott. Ich glaube, dass uns zukünftig viel geholfen wäre, wenn wir mehr Räume dazu schafften, die die Gottesbegegnung ermöglichen. Folgende Wahrnehmung als einen Trend zu bezeichnen, ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Aber bei meinen Besuchen in den Gemeinden und in den Gesprächen gerade mit jungen Christen stelle ich fest, dass vielerorts der Wunsch besteht, mehr Gelegenheit zur stillen Anbetung des Allerheiligsten zu haben. Und wo diese Initiative einmal ergriffen worden ist, zeigen sich – manchmal zaghaft, manchmal recht deutlich - Auswirkungen. Was haben wir dabei zu verlieren, so etwas auszuprobieren? Denn es ist nicht so, dass das richtig praktizierte Gebet den Menschen vom Menschen entfernt, ihn sozusagen von der Welt entrückt und realitätsfremd werden lässt. Im Gegenteil: Im Blick auf den Herrn selbst und im Sich-Versenken in seine Liebe hinein öffnet sich unser Blick auf das Hier und Heute, auf die Menschen, die der Hilfe bedürfen.

Gottesbegegnung in ihrer intensivsten Art geschieht in der Eucharistischen Anbetung und in der Feier der Heiligen Messe. Es sind die verschiedenen Teile des Gottesdienstes selbst, die uns wie in einer Katechese als sprechende Zeichen auf wichtige Aspekte eines christlichen Lebens hinweisen wollen. Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen:

Am Beginn des Eucharistischen Hochgebetes richtet der Priester an die versammelte Gemeinde den Ruf: „Erhebet die Herzen!“ – „Sursum corda!“ In diesem Ruf des „Sursum corda!“ liegt geradezu die schönste Definition des Christen. Er ist nicht nur „sum“, nicht nur „ich“, sondern steigt, wenn er wahrhaft zu leben versucht, über sich hinaus „sur-sum“. Weil er sein Herz zu Gott erhebt, hat er ein Herz für die ihm anvertrauten Menschen. Um aber sein Herzblut in den Dienst an den Menschen investieren zu können, muss er immer wieder am Herzen Jesu Christi ruhen und seine Herztöne in der Eucharistie vernehmen. In der Tat sind wir nur dann wirklich imstande, im Gesicht des Nächsten im Alltag Christus selbst zu entdecken, wenn wir ihn zuvor immer wieder in den armseligen und unscheinbaren Zeichen von Brot und Wein erkennen – so einer meiner geistlichen Weggefährten.

Der kirchliche Akt der Seligsprechung von Mutter Maria Theresia stellt uns eine beherzte Jüngerin Christi vor Augen: Eine Frau mit Herz, die den Blutkreislauf unseres Glaubens erfahren und bezeugt hat. Da sind zwei Bewegungen, die wir theologisch „Sendung“ und „Sammlung“ nennen; gemeint sind die Sendung im Alltag des Lebens und die Sammlung zum Gottesdienst. Beide Bewegungen müssen stimmen, wenn ein Kollaps vermieden werden soll. Mutter Maria Theresia buchstabiert mit ihrem Leben und Wirken: Nur wer mit seinem ganzen Herzen Gott liebt, kann es letztlich fertig bringen, sich auf andere Menschen voll einzulassen und sie nicht zum Instrument der eigenen Selbstbehauptung zu machen.

Ich möchte angesichts vieler Polarisierungen in der kirchlichen Gegenwart durchaus einen beachtenswerten Hinweis erkennen im Lebenszeugnis der neuen Seligen: Vergaloppiert euch nicht in einer Polemik, ob die Gottesliebe oder die Nächstenliebe, ob die Frömmigkeit oder der tätige Dienst am Nächsten vorrangig ist! Wer sich mit seinem ganzen Herzen auf Gott einlässt, kann wie Mutter Maria Theresia sprechen: „Er führt, ich gehe.“

Wenn nämlich der biblisch offenbare Gott in letztlich unbegreiflicher Weise ein Gott der Menschen ist, dann sind alle in der Nachfolge Jesu zu allen Zeiten dazu berufen, die Gottesliebe in echter Nächstenliebe zu bewähren. – Selige Maria Theresia Bonzel, bitte für uns! Amen.

(pdp-d-10.11.13)

 

 

 


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